Das feministische (Selbst-)Verständnis der GJ Göttingen – Eine Einführung

// 27. Juli 2012 // Gender, Soziales

Womanpower_logoFeminismus [Subst.], der: Denkrichtung, die Frauen als vollwertige Menschen anerkennt – eine Einführung.

Das queerfeministische Manifest der GRÜNEN JUGEND vom 28. April 2009.

Debattenbeitrag der GJ Göttingen zum Verhältnis von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus.

Mit Beginn der französischen Revolution, die sich für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, also für die Herstellung von Mündigkeit und Selbstbestimmung im weiteren Sinne, engagierte, begannen auch die ersten dokumentierten politischen Kämpfe einer Frauen*rechtsbewegung. Damals forderte Olympe de Gouges das Wahlrecht für Frauen*. Unter anderem dafür wurde sie schlussendlich hingerichtet.
Heute sieht Feminismus, also der Einsatz für Rechte von Frauen*, anders aus. Zumindest juristisch gesehen gibt es eine weitestgehende Gleichstellung von Mann und Frau¹, so jedenfalls die Theorie. Frauen* verdienen in Deutschland im Schnitt 22% weniger als Männer* – und rund 8 Prozent weniger bei gleicher Arbeitsleistung und Qualifikation. (siehe equalpayday.de).²

Unterschiedliche Ansichten darüber, wie Gleichberechtigung letztendlich aussehen soll, sind in den verschiedenen Strömungen des Feminismus und damit der feministischen Theorie begründet.

Die erste Hauptströmung, der sogenannte Gleichheitsfeminismus, geht davon aus, dass Männer* und Frauen* unterschiedliche gesellschaftliche Zuweisungen haben, die durch Rollenerwartungen, Erziehung und Machtausübung erschaffen werden. Deshalb fordert der Gleichheitsfeminismus eine vollständige Gleichstellung von Mann* und Frau*. Rechte und Pflichten, Erziehung und Ausbildung, Arbeit und Lohn sollen der jeweils gleiche sein.

Daran kritisiert die zweite Hauptströmung – der Differenzfeminismus – dass es sich hierbei um die Anpassung von Weiblichkeit an Männlichkeit handelt, d.h. die Inkaufnahme der Unterordnung von Weiblichkeit unter männlich-dominante Kategorien. Deswegen fordert der Differenzfeminismus die Beibehaltung, Stärkung und gleichzeitige Aufwertung von Frauen* zugeschriebenen Tätigkeiten und Stärken, zum Beispiel Emotionen und Empathie, einfühlende und pflegende Berufe.

Die dritte Hauptströmung des Feminismus – die Dekonstruktion – nimmt hingegen an, dass unsere Realität weitestgehend sozial konstruiert ist. Sie analysiert die Bilder von Weiblichkeit, Männlichkeit und Heterosexualität und wie sie entstehen und weitergegeben werden. Es zeigt sich, dass diese Bilder nichts Natürliches sind, sondern durch Machtstrukturen und Normen geprägt sind, die Regelmäßigkeit und Ordnung schaffen sollen. Diese Normen und Machtstrukturen werden in Frage gestellt und Alternativen aufgezeigt, z.B. durch den Ansatz der Queer Theory (queer: engl. für ‘schräg’ u.a.). Diese hinterfragt die heutigen gesellschaftlichen Kategorien wie “Frau” und “Mann” und bezweifelt, dass es diese in dieser Zweiseitigkeit gibt bzw. geben sollte. Dabei wird aber nicht übersehen, dass die Einordnung “Frau” für unser Alltagsleben zur Zeit noch Bestand hat und sich daraus Benachteiligungen auf individueller Ebene ergeben.

Die GRÜNE JUGEND Göttingen möchte das soziale Geschlecht und die daran anknüpfenden Verhaltensnormen und Rollenbilder dekonstruieren und auflösen.

Weiterführend gibt es unterschiedliche Positionen innerhalb unserer Gruppe. Es gibt die Position, dass auch die Dekonstruktion des (sogenannten) biologischen Geschlechtes angestrebt werden soll, während andere dies für problematisch bzw. nicht möglich halten.

Frauen*förderung – warum und wie.

Alle Menschen müssen sich in unserer Gesellschaft jederzeit eindeutig einem Geschlecht zuordnen und auch das Gegenüber eindeutig als “Frau” oder “Mann” erkennen und ansprechen. Bei jedem zwischenmenschlichen Kontakt wird der gemeinsame Umgang davon bestimmt, wie die eigene geschlechtliche Einordnung stattgefunden hat und als was das jeweilige Gegenüber erkannt wird. Wie verhalte ich mich? Fasse ich mein Gegenüber an? Welche Themen spreche ich an? Diese Verhaltensweisen, die die Gesellschaft vorgibt und nach denen wir immer wieder handeln und sie damit festigen, schränken unsere eigene Handlungsfähigkeit ein und geben einen eingegrenzten Raum für unser Verhalten vor. Diese Einschränkungen erscheinen uns ebenso wie das Geschlecht und die zwanghafte Zuordnung an ein solches als natürliche Grundlage unserer Gesellschaft. So eindeutig, wie unsere soziale Wirklichkeit dies abbildet, lässt sich diese aber weder biologisch noch psychologisch begründen. In der Gesellschaft werden Frauen* immer noch Eigenschaften wie zurückhaltendes und stilles Verhalten zugeschrieben, Männern* hingegen dominantes, erfolgreiches und aggressives. Diese angeblich natürlichen Verhaltensweisen sind aber sozial konstruiert und somit veränderbar.³

Frauen* sind in unserer gesellschaftlichen Realität immer noch benachteiligt und haben, was gesellschaftliche Teilnahmemöglichkeiten angeht, weniger Handlungsoptionen als Männer*. Da vor allem in Westdeutschland gerade in den älteren Generationen noch immer der Mann* als Ernährer gilt und die Frau* als zuständig für Haus und Kind, befinden sich viele Frauen* in einer Abhängigkeit von ihrem Mann*, da sie allein schlecht oder gar nicht für sich sorgen könnten. Diese Zwänge führen dazu, dass Frauen* in unserer Gesellschaft, was die Einflussmöglichkeiten angeht, häufig schlechter als Männer* gestellt sind. Beispielsweise sind Frauen* deutlich öfter von Altersarmut betroffen als Männer*⁴.

Wir wollen in unserer politischen Arbeit sensibel mit dem Thema Geschlecht umgehen und dieses als so natürlich angesehene Phänomen der Zweiteilung der Gesellschaft nicht unter den Tisch fallen lassen.
Eine große Rolle spielt die Erziehung, da die Gesellschaft Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit wiedergibt und als erwünscht darstellt. Aus diesem Grund möchten wir den weiblich sozialisierten Menschen Handlungsspielräume eröffnen und ihre Position stärken. Damit wollen wir im Kleinen, auf Grund der Struktur der Gesellschaft benachteiligte Personen ermutigen.

Das stärkt nicht nur die Gruppe, sondern sendet auch ein Signal nach außen, dass es sich um wichtige, aber lösbare Probleme handelt. Am Ende der Entwicklung sollen Menschen stehen, die ohne die bisher an sie gestellten Rollenerwartungen zu berücksichtigen, nach ihren Vorstellungen leben und handeln. Unsere Maßnahmen (Frauen*quote etc.) werden dann natürlich hinfällig; sie haben auch ausdrücklich das Ziel, sich selbst abzuschaffen.

Warum harte Quote? Vorteile und Probleme.

Mit einer harten Quotierung der Redeliste schaffen wir einen Extraraum für den Einfluss durch Frauen*. Hart quotiert bedeutet, dass mindestens jeder zweite Redebeitrag im Plenum von einer “Frau*” kommen muss. Menschen mit dominanterem Redeverhalten, oft Männer*, müssen anderen Menschen den Platz und Raum lassen, ohne um Redeanteile zu konkurrieren.

Um auf Unterschiede außerhalb von Geschlechtsklischees Rücksicht zu nehmen, nutzen wir z. B. die Verhältnisredeliste. Menschen, die zu einem Tagesordnungspunkt weniger gesagt haben als die restlichen Menschen auf der Redeliste, werden zuerst drangenommen. Dadurch sollen eher stillere Menschen angeregt werden, sich zu beteiligen und auch insgesamt sollen die Redeanteile dadurch angeglichen werden.

Es kann schwierig sein, gerade weil wir zwischen Frauen* und Männern* unterscheiden, nicht in das Denken in diesen beiden Kategorien zurück zu fallen. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass z.B. die Quoten kein Selbstzweck sind, sondern Mittel zum Erreichen eines Zieles. Unsere überschaubare Gruppengröße erlaubt uns, auf die Einzelnen mit ihren individuellen Eigenschaften einzugehen und auch mal der Verhältnisredeliste Vorrang vor der Frauen*redeliste zu geben.

Ganz entschieden sprechen wir uns an dieser Stelle gegen Konzepte aus, die die zugeschriebenen Eigenschaften zweckmäßig, zur Schaffung von Wert, ausnutzen wollen. Das sogenannte Diversity Management, das durch die Unterschiedlichkeit in Kleingruppen kreatives Potential steigern soll, verfestigt und stützt die stereotypen Eigenschaftszuordnungen in unserer Gesellschaft weiter. Gelebte Vielfältigkeit im Sinne einer eigenen Verwirklichung, dem Entdecken von Handlungsoptionen und dem Gestalten der eigenen Identität verkommt zu einem marktorientierten, beliebig wandelbaren Identitätsmodell. Einer solchen kapitalistischen Ausbeutung der Idee der Vielfältigkeit widersprechen wir aufs Schärfste.

Weitere Schwierigkeiten dieser Maßnahmen sind, dass sie andere Facetten unserer Wirklichkeit und deren Überschneidungen mit der Kategorie Geschlecht vernachlässigen. Faktoren wie z.B. Hautfarbe und Behinderung werden nicht berücksichtigt. Auch dafür braucht es Sensibilität.

¹ Wir benutzen in diesem Zusammenhang die Kategorien „Mann“ und „Frau“, welche Geschlecht in zwei gegenüberstehende Teile getrennt sieht. So können wir die Gesellschaftsstruktur, die nach unserer Meinung noch immer durch eine Herrschaft durch Männer geprägt ist, angemessen beschreiben. Jeder Mensch in unserer aktuellen Gesellschaft wird freiwillig oder unfreiwillig einer der Kategorien Mann-Frau und heterosexuell (normal) – homosexuell (unnormal) zugeordnet. Je nach gesellschaftlicher Akzeptanz bilden sich Machtunterschiede und damit unterschiedliche Möglichkeiten für die Menschen. Wir lehnen diese Zweiteilung ab, benutzen sie allerdings an dieser Stelle, um die Unterscheidung und ihre Folgen deutlich zu machen.

²http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/atlas-gleichstellung-deutschland,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

³ Mehr zu der Frage, inwiefern Geschlecht sozial konstruiert ist, findet sich bei Regine Gildemeister, Angelika Wetterer, 1992 “Wie Geschlecht gemacht wird. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung”

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-02/altersarmut-frauen

2 Kommentare zu “Das feministische (Selbst-)Verständnis der GJ Göttingen – Eine Einführung”

  1. Patrick Fischer sagt:

    Hallo liebe Aktivistinnen und Aktivisten,

    ich schreibe euch weil ich es lächerlich finde dass viele Männer Penisprobleme haben, wenn eine Frau etwas besser kann.

    Sei es im Beruf oder im Sport(wenn eine Frau z.B. besser Fussball spielt), oder wenn eine Frau besser Autofahren kann …

    Der Punkt ist, dass ein Mann froh sein muss, wenn er eine Frau an seiner Seite hat, die beruflich was auf dem Kasten hat und Geld nach Hause bringt.

    Anstatt solche Frauen Wert zu schätzen kritisieren wir Männer sie lieber.

    Das macht keinen Sinn.

    Schreibt mir bitte mal zurück.

    • Patrick Fischer sagt:

      Die Formulierung war etwas schwammig.

      Ich meine damit, dass nur schwache Männer vor starken Frauen Angst haben.
      Und Männer, die denken dass Frauen in die Küche gehören finde ich sogar armselig.

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