Filmvorführung und Diskussion: Der NSU-Prozess als Film

// 16. Juni 2014 // antifa, Antirassismus, Bildung

extrembndnis1Mon­tag, den 23.​06.​2014 | 20:00 Uhr | Café Ka­ba­le (Geis­mar Land­stra­ße 19)

+++An der Veranstaltung haben circa 25 Interessierte teilgenommen +++Einen Beitrag des Stadtradio Göttingen zum Nachhören findet ihr hier+++

Das Bünd­nis Ex­trem Da­ne­ben, in dem auch die GJ Göttingen organisiert ist, zeigt einen Aus­schnitt des SZ-​Film­pro­jekts „Der NSU-​Pro­zess als Film“, in wel­chem die Pro­zess-​Pro­to­kol­le von Schau­spie­ler_in­nen nach­ge­le­sen und in­sze­niert wer­den. Im An­schluss an die Vor­füh­rung soll es Raum für eine ge­mein­sa­me Dis­kus­si­on über Film und Pro­zess geben.

Der Ter­ror des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“ (NSU) zwi­schen den Jah­ren 2000 und 2006 reiht sich in eine Kon­ti­nui­tät neo­na­zis­ti­scher Ge­walt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein. Al­lei­ne seit 1990 wur­den 187 Men­schen durch Neo­na­zis ge­tö­tet. Lange wurde die Ge­fahr von rechts ba­ga­tel­li­siert, ver­harm­lost und ent­po­li­ti­siert. Dass nun eine brei­te Öf­fent­lich­keit davon Notiz nimmt, liegt vor allem an den Ver­stri­ckun­gen der staat­li­chen Be­hör­den in die ras­sis­ti­sche Mord­se­rie, sowie an der Sys­te­ma­tik, mit der der NSU vor­ging.
Die Opfer der ras­sis­ti­schen Mord­se­rie des „NSU“ waren Enver Şimşek, Ab­durra­him Özüdoğru, Sü­ley­man Taşköprü, Habil Kılıç, Meh­met Tur­gut, İsmail Yaşar, Theo­do­ros Boul­ga­ri­des, Meh­met Kubaşık, Halit Yozgat. Auch die Po­li­zis­tin Michèle Kie­se­wet­ter wurde vom „NSU“ er­mor­det. Wei­ter­hin ver­üb­ten die Neo­na­zis ein Bom­ben­at­ten­tat in der Keup­st­ra­ße in Köln sowie zahl­rei­che Bank­über­fäl­le. Die Ver­stri­ckun­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes, die Zer­stö­rung mög­li­cher Be­wei­se durch den VS und der große Un­ter­stüt­ze­rIn­nen­kreis des „NSU“ – das an­ti­fa­schis­ti­sche Pres­se­ar­chiv und Bil­dungs­zen­trum Ber­lin e.V. (apa­biz) geht von etwa 200 aus – ma­chen den Ge­richts­pro­zess so um­fang­reich und un­über­sicht­lich: Wich­ti­ge De­tails gehen ver­lo­ren, die zur Auf­klä­rung des Ge­samt­kom­plex „NSU“ nötig wären.

Am 6. Mai 2013 be­gann der me­di­al be­glei­te­te Pro­zess gegen den Kern des Neo­na­zi-​Netz­werks, Beate Zschä­pe, André Emin­ger, Hol­ger Ger­lach, Cars­ten Schult­ze und Ralf Wohl­le­ben vor dem Ober­lan­des­ge­richt in Mün­chen. Die­ser Straf­pro­zess ist ob sei­ner Größe und Trag­wei­te viel be­ach­tet und von gro­ßem öf­fent­li­chen In­ter­es­se. In­wie­fern der Pro­zess je­doch dazu taugt, für Auf­klä­rung zu sor­gen und ob er dazu in der Lage ist, die Di­men­si­on des NSU-​Kom­ple­xes ad­äquat zum Ge­gen­stand des Ver­fah­rens zu ma­chen, wol­len wir ge­mein­sam dis­ku­tie­ren. Fra­gen, die sich uns im Ver­lauf der Vor­be­rei­tung ge­stellt haben waren etwa: Wie lau­fen die Be­fra­gun­gen ab? Was ist von die­sem Pro­zess über­haupt an Auf­klä­rung zu er­war­ten? Was für eine Rolle spielt er für die An­ge­hö­ri­gen der Opfer? Bie­tet der Pro­zess nicht auch eine Bühne für die Neo­na­zis um sich zu in­sze­nie­ren? Dient der Pro­zess wo­mög­lich der Ent­las­tung der deut­schen Mehr­heits­be­völ­ke­rung? Wird mit die­sem Pro­zess die Frage nach neo­na­zis­ti­scher Ge­walt und dem mög­li­chen Um­gang damit an staat­li­che In­sti­tu­tio­nen de­le­giert?

Der Ver­dacht auf einen neo­na­zis­ti­schen Hin­ter­grund oder ras­sis­ti­sche Mo­ti­ve der Morde, wurde von den zu­stän­di­gen Er­mitt­lungs­be­hör­den – nach bis­he­ri­gem Kennt­nis­stand – sys­te­ma­tisch ver­wor­fen. Statt­des­sen wur­den sie auf ver­meint­li­che Kon­flik­te in­ner­halb der mi­gran­ti­schen Ge­mein­de zu­rück­ge­führt – so wur­den Dro­gen­han­del oder Spiel­sucht als mög­li­che Kon­flik­tur­sa­chen in den Er­mitt­lun­gen be­nannt. Die Fi­nan­zie­rung von Ver­trau­ens-​Leu­ten und damit mit­tel­bar die struk­tu­rel­le Un­ter­stüt­zung neo­na­zis­ti­scher Ideo­lo­gie und Ge­walt, sowie die Zer­stö­rung von Un­ter­la­gen und In­for­ma­tio­nen durch den Ver­fas­sungs­schutz, of­fen­ba­ren den staat­li­chen und in­sti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus. Auch dar­über, dass Ras­sis­mus als ge­sell­schaft­li­ches Ver­hält­nis und tief ver­an­ker­tes Res­sen­ti­ment nicht Thema des Pro­zes­ses ist und sein kann, wol­len wir in An­leh­nung an die Do­ku­men­ta­ti­on dis­ku­tie­ren.

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